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20.04.2022

Das Geschäft mit dem «Wunder-Ei»

Der selbsternannte Wachtel-König Guido Zwyssig beliefert seine Kundschaft bereits seit 2012. (Bild: Cyrill Pürro)

Der selbsternannte Wachtel-König Guido Zwyssig beliefert seine Kundschaft bereits seit 2012. (Bild: Cyrill Pürro)

Wachtel-König Lostorf In der näheren Region ist er der Einzige seiner Art: Der 49-Jährige Guido Zwyssig vertreibt seine Wachteleier mittlerweile schweizweit. Auf Besuch im Wachtelstall zeigt er: Das Geschäft mit dem «Wunder-Ei» ist vielseitig.

Von: Cyrill Pürro

Er hält seit über zehn Jahren an seiner Leidenschaft fest: Guido Zwyssig züchtet im Stall neben seinem Haus in Lostorf Wachteln. Den kleinen Betrieb zog er zusammen mit seinem Sohn Nicolas auf, mittlerweile führt er ihn aber allein. «Mein Sohn ist nun eben älter, arbeitet und hat andere Hobbys», erklärt der 49-Jährige. Dennoch hilft sein Sohn immer noch hin und wieder bei Stall- oder Vertriebsarbeiten mit. Wie das Projekt der beiden ins Rollen kam – dahinter versteckt sich eine spezielle Geschichte. «Nicolas wünschte sich ein Haustier. Ein Hund oder eine Katze kam für uns deshalb nicht in Frage, weil wir kein Tier im Innern des Hauses wollten», führt Zwyssig aus. Einer Wachtel konnte die Familie genügend Auslauf im Garten bieten. Gleichzeitig hatte Guido Zwyssig das Bedürfnis, seinem Sohn zu zeigen, wie man mit der Haltung eines Tieres auch belohnt werden kann. So schuf sich die Familie 2012 ein Paar Wachteln an.

Eins führte zum anderen und die Zahl der Wachteln nahm zu. Nach wenigen Jahren wuchs das Geschäft rapide an. Denn wie Zwyssig sagt, legt eine Henne am Tag ein Ei. Das führte nach einer Zeit zu einer regelrechten Flut an Eiern. Mittlerweile liefert die Familie ihre Wachteleier in die ganze Schweiz, Abnehmer gibt es gar im Tessin und in der Romandie – hauptsächlich sind es Private. Der Familienvater ergänzt: «Wir beliefern aber auch diverse Läden und Restaurants in der näheren Region.»

Wer Vögel wie Wachteln züchtet, kommt irgendwann auch an den Punkt, an dem alte Exemplare ausgemustert werden müssen. Zwyssig erklärt, dass Wachteln schnelllebige Tiere sind und im Alter von nur sechs Wochen mit dem Legen beginnen. Gleichzeitig sind sie bereits im Alter von neun bis zwölf Monaten am Ende ihrer regelmässigen Legetätigkeit. Die Tiere werden dann getötet und dienen als Futter für die Aufzucht von Falken, die ein Falkner für die Beizjagd aufzieht. Ein weiterer Abnehmer ist ein Züchter von Raubkatzen. Zwyssig erklärt dazu: «Mir ist es wichtig, dass auch getötete Tiere noch eine Verwendung finden.»

Nicht nur Wachteleier im Angebot

Die Nachfrage nach den Wachteleiern aus Lostorf ist hoch, gerade vor Ostern oder Weihnachten. Die Familie könne in der «Hochsaison» der Anfragen kaum Wachteleier für sich selbst zurücklegen, sie seien meistens ausverkauft. Über den Internetshop bestellte Wachteleier verschickt Zwyssig per Post an die Kundschaft.

Der Preisvorschlag für ein normales Hühnerei liegt gemäss dem Schweizerischen Bauernverband bei 50 Rappen (Bodenhaltung) und zwischen 60 und 70 Rappen (Freilandhaltung). Etwa gleich viel, also 50 Rappen, zahlt die Kundschaft beim Wachtel-König für ein Wachtelei. Und das obwohl diese in der Gourmetküche als Delikatesse gelten. Ausserdem ist das Wachtelei gemäss Zwyssig gesünder, da der Cholesteringehalt geringer sei und einen hohen Gehalt an Vitamin C und A aufweise. Es gäbe viele Kunden, die auf eine gesundende Wirkung der Wachteleier setzen. Diese verwenden die Wachteleier beispielsweise für Kuren. Ein regelrechtes «Wunder-Ei» also. Dass es keinen grossen Unterschied zum Preis für normale Hühnereier gibt, begründet der Wachtelexperte so: «Mir geht es nicht darum, das grosse Geld zu verdienen.» Klar sei das Geschäft auch finanziell lukrativ, aber es gehe primär um die Leidenschaft und das Wohlbefinden der Tiere. Die Familie vertreibt nicht nur die Eier der Wachteln, sondern lässt zusätzlich extern Urdinkel- sowie Hartweizennudeln aus ihren Wachteleiern herstellen sowie Wachteleier-Kirsch und eine Wachtelei-Schere.

Hygiene als höchstes Gut

Wenn Zwyssig durch die Zucht führt, wird schnell klar: Hygiene ist im zweistöckigen Stall wichtig. Denn Boden und die Gehege müssen sauber sein. Deshalb lässt er Besuchende auch nie in das obere Stockwerk, wo die Legehennen ihren Platz finden. Da ist er streng: «Hier haben nur Familienmitglieder oder enge Freunde Zutritt.» Denn er will eben um jeden Preis verhindern, dass Keime oder Ungeziefer ihren Weg in die Zucht finden. Mit der Bewilligung des kantonalen Veterinäramtes hat die Familie die offizielle Erlaubnis, Wachteln zu halten. Zusätzlich absolvierte Guido Zwyssig eine fachspezifische Ausbildung in Winterthur. Diese sei notwendig, da der Umgang mit Wachteln äusserst sorgsam sein muss. Denn bei den Wildvögeln handelt es sich um «äusserst sensible Tiere», die gleichzeitig viel Aufmerksamkeit brauchen. Die Legewachtel gilt vor dem Gesetz als Wildtier und bedarf einer speziellen Haltung.

Die Wachtelzucht läuft in der Freizeit von Zwyssig, neben seinem Beruf, den er mit einem 100 Prozent-Pensum ausführt. Er ist aber sicher: «Würden wir die Zucht noch grösser und professioneller aufziehen, könnten wir ganz bestimmt davon leben.» Das ist ein Traum, den er schon seit Beginn des Projekts hat. Obwohl er Pläne und Ideen für die Zukunft hat, die er nicht preisgeben will, befürchtet er: «Das bleibt wahrscheinlich nur ein Traum.»

www.wachtel-koenig.ch