«Die Stiftung muss sich weiterentwickeln»

Stiftung Arkadis Mit diversen Anlässen feiert die Oltner Stiftung Arkadis 2022 ihr 50-Jahr-Jubiläum – zum Beispiel übermorgen Samstag mit dem Arkadis-Sommerfest. Derweil wurde vorgestern Daniel Menzi nach 25 Jahren als Stiftungsratspräsident abgelöst. Sein Nachfolger ist Urs Knapp.

Wohin entwickelt sich die Stiftung Arkadis? Der Oltner Urs Knapp soll als Präsident des Stiftungsrates die kommenden Jahre der sozialen Institution mit ihren fast 300 Mitarbeitenden mitprägen. (Bild: Achim Günter)

Wohin entwickelt sich die Stiftung Arkadis? Der Oltner Urs Knapp soll als Präsident des Stiftungsrates die kommenden Jahre der sozialen Institution mit ihren fast 300 Mitarbeitenden mitprägen. (Bild: Achim Günter)

Der Hauptsitz der Stiftung Arkadis befindet sich an der Aarauerstrasse 10. (Bild: AGU)

Der Hauptsitz der Stiftung Arkadis befindet sich an der Aarauerstrasse 10. (Bild: AGU)

«Wir müssen neue Wohnformen suchen, setzen auf mehr Individualität.» Urs Knapp, Stiftungsratspräsident. (Bild: Achim Günter)

«Wir müssen neue Wohnformen suchen, setzen auf mehr Individualität.» Urs Knapp, Stiftungsratspräsident. (Bild: Achim Günter)

Herr Knapp, die Stiftung Arkadis feiert in diesem Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum. Sie sind 64 Jahre alt. Erinnern sie sich, wann Sie die Arkadis erstmals wahrgenommen haben?

Urs Knapp: Erstmals direkt wahrgenommen habe ich sie im Jahr 1987. Damals wurde unsere Tochter Olivia geboren. Sie zog sich bei der Geburt eine schwere Behinderung zu. Wir kamen dadurch in Kontakt mit der Elternvereinigung «insieme». Und «insieme» bildet ja die Trägerschaft der Stiftung Arkadis.

Und eines Tages wurden Sie dann als Vertreter der Elternvereinigung «insieme» für den Stiftungsrat angefragt?

Der Stiftungsrat der Arkadis besteht gemäss Statuten mehrheitlich aus Vertretern der Elternvereinigung. Dazu kommen kooptierte Mitglieder, um die Zusammensetzung des Stiftungsrates optimal zu gestalten. Ich selbst bin seit dem Jahr 2000 Mitglied des Stiftungsrates.

Vorgestern Dienstag wurden Sie als Nachfolger von Daniel Menzi zum Präsidenten des Stiftungsrates gewählt.

Der Stiftungsrat war der Meinung, es wäre gut, durch die Wahl eines langjährigen Mitglieds eine gewisse Kontinuität in einer Phase der Veränderungen sicherzustellen. Daniel Menzi trat jetzt zurück, die Direktorin Dagmar Domenig wird Ende nächsten Jahres altersbedingt aufhören. Meine erste Aufgabe wird es gemeinsam mit dem Stiftungsrat sein, die neue Direktion zu bestimmen. Danach steht das Einarbeiten der neuen Person, das Coachen aus Sicht des Stiftungsrates an. Das wird zu Beginn meine Kernaufgabe sein.

Ihr Vorgänger präsidierte die Stiftung 25 Jahre lang. So viele Jahre dürften es bei Ihnen kaum werden.

Ich habe dem Stiftungsrat gesagt, dass ich nicht einfach nur ein Übergangskandidat sei. Das Mandat kann so lange dauern, wie es mir gefällt, ich der Stiftung einen Mehrwert bringen kann und die Stiftung ihrerseits das Gefühl hat, dass ich ihr etwas nütze. Ich denke an eine Amtsdauer von vier bis acht Jahren.

Worauf freuen Sie sich am meisten im neuen Amt?

Ich freue mich am meisten, dieses Unternehmen – ich nenne es bewusst Unternehmen – in einer spannenden Phase begleiten und meine Erfahrung teilen zu können. Die Direktorin ist zehn Jahre im Amt, der Stiftungsratspräsident war es 25 Jahre. Mit dem Rücktritt des langjährigen Stiftungsratspräsidenten und mit dem absehbaren Austritt der Direktorin gibt es relevante Veränderungen. Dass ich zusammen mit dem Stiftungsrat die Suche, die Anstellung und die Einarbeitung einer qualifizierten neuen Direktion begleiten darf, finde ich eine tolle Aufgabe.

Ein gutes Händchen bei der Neubesetzung der operativen Leitung wird sehr wichtig sein.

Genau. Der teilweise neu zusammengesetzte Stiftungsrat wird bei seiner ersten Sitzung im September definieren, wie der Wahlprozess sein wird. Ziel ist, dass wir im Frühling 2023 wissen, auf welche Person die Wahl fällt und dass dann ab Herbst 2023 der Übergang stattfinden kann – und zwar so lange wie nötig, so kurz wie möglich. Zwei Könige im gleichen Reich, das ist ja immer schwierig.

Neben dem Präsidium gab es weitere Wechsel im Stiftungsrat. Er umfasst nun elf Personen. Sind das nicht etwas gar viele?

Laut Statuten können es maximal 13 sein. Der Stiftungsrat wurde nun um eine Person vergrössert. Die Sitzungen werden vorbereitet durch den Stiftungsratsausschuss. Dieser umfasst vier Personen. Über die Grösse des Stiftungsrates lässt sich immer diskutieren. Die Frage ist: Wie lassen sich alle gewünschten Kompetenzen einbinden? Wir haben jetzt die Elternschaft darin vertreten, einen Kinderarzt, den Direktor der Heilpädagogischen Sonderschule, dazu Unternehmer, Fachexperten und Finanzfachleute. Will man diese Kompetenzen allesamt nutzen, muss das Gremium eine bestimmte Grösse aufweisen. So haben wir nun entschieden – auch weil wir spannende Personen engagieren konnten –, das Gremium zu vergrössern.

Aber das Gremium ist dadurch doch etwas schwerfällig.

Der Stiftungsratsausschuss tagt häufiger als der Stiftungsrat und bereitet die Sitzungen jeweils sehr gut vor. Der Stiftungsrat tagt viermal im Jahr. Das funktioniert sehr gut so.

Dem Stiftungsrat obliegt die strategische Führung der Stiftung Arkadis. Wie nahe verfolgt der Stiftungsrat das Tagesgeschäft?

Es besteht eine ganz klare Aufgabentrennung. Der Stiftungsrat ist für die strategische Führung zuständig und für die Oberaufsicht, die Geschäftsleitung für die operative Führung. Es ist uns sehr wichtig, dass das klar getrennt ist. Wir haben eine Geschäftsleitung und in den verschiedenen Bereichen Führungskräfte und kompetente Mitarbeitende. Die machen einen tollen Job. Wir Stiftungsräte können ihnen fachlich das Wasser nicht reichen. Wir fokussieren uns auf die strategischen Themen. Das heisst wir definieren beispielsweise die Zielsetzungen, genehmigen Budget und Investitionen, ebenso grössere Wahlgeschäfte. Unsere Hauptaufgaben sind, der Stiftung die Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie braucht, über die Ziele zu diskutieren, die aus der operativen Ebene zu uns gelangen, diese operative Sicht zu verbinden mit der strategischen Optik und die richtigen Personen zu berufen. Zudem vertritt der Stiftungsrat die Institution auch gegen aussen: Er setzt sich in der Öffentlichkeit zu Gunsten unserer Klientinnen und Klienten sowie allgemein der Menschen mit einer Behinderung ein. Und er sorgt sich auch um die 270 Mitarbeitenden.

Ein Meilenstein wie das 50-Jahr-Jubiläum ist auch immer ein Moment, um Bilanz zu ziehen. Wie geht es der Stiftung Arkadis im Jahr 2022?

Der Stiftung geht es sehr gut. Wir haben die Pandemie gut bewältigt. Es war nicht immer ganz einfach, weil es Ängste und personelle Ausfälle gab. Wir haben hochkompetente Mitarbeitende und eine ebensolche Geschäftsführung. Im letzten Jahrzehnt haben wir die gesamte Organisation so professionalisiert, dass wir auf neue Trends zeitgerecht reagieren und notwendige Entwicklungsschritte einleiten können. Auch gelang es, die Infrastruktur immer gut zu unterhalten.

Gesellschaftliche Entwicklungen schlagen sich bestimmt auch bei der Stiftung Arkadis nieder.

Ja, es gibt heute mehr individuelle Bedürfnisse. Menschen mit Beeinträchtigungen werden heute älter als früher. Das gibt neue Konfliktlinien innerhalb der Bereiche. Es ist nicht immer einfach, wenn eine 20-jährige Person mit einer 70-jährigen in der gleichen Gemeinschaft zusammenleben muss. Allgemein stellen wir fest, dass Menschen nicht mehr so gerne in Heimen wohnen wollen. Wir müssen also neue Wohnformen suchen, setzen auf mehr Individualität, auf Aussengruppen mit massgeschneiderten Angeboten.

Inklusion ist heutzutage ein grosses Thema, die Integration der Behinderten in die Gesellschaft wird stärker als einst postuliert. Das dürfte für die Arkadis infrastrukturelle Herausforderungen mit sich bringen.

Viele unserer Aktivitäten haben wir ganz bewusst mitten in der Stadt platziert. Wohngruppen sieht man deshalb beim Einkaufen. Wir bieten den Bewohnenden damit und mit anderen Angeboten die Möglichkeit der Inklusion an. Gleichzeitig gilt es immer wieder von Neuem abzuwägen, wie wir unserem Motto «Gemeinsam Lebensqualität schaffen» am besten nachleben können. Das lässt sich nicht dogmatisch lösen. Wir müssen einfach das Bestmögliche machen. Es gibt sehr unterschiedliche Formen von Behinderung. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren.

Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie in den kommenden Jahren auf die Stiftung zukommen?

Die Stiftung darf nicht stillstehen, sie muss sich weiterentwickeln. Eine Herausforderung wird sein, dass die klassischen Heime tendenziell weniger Zuspruch finden. Eine andere besteht im Altersbereich. Vielleicht muss über ein spezielles Angebot für Leute ab 65 nachgedacht werden. Oder auch im Bereich der Kinder: Im ganzen Kanton Solothurn gibt es für schwerstbehinderte Kinder mit dem Blumenhaus Buchegg nur eine Einrichtung. Wäre es nicht sinnvoller, kombiniert mit einem schulischen Angebot, für solche Kinder auch in der Region Olten gewisse Wohnformen zu machen? Wir dürfen uns nicht selbstgefällig zurücklehnen und sagen: «Wir sind toll: 270 Mitarbeitende, starke Stellung, grösste soziale Einrichtung im unteren Kantonsteil.» Wir müssen uns immer wieder an die Entwicklungen in der Gesellschaft anpassen. Dann stellt sich die Frage: Wie weit reicht die Solidarität? Unsere Stiftung lebt von der Solidarität der Mitmenschen, auch von der finanziellen Solidarität. Diese dürfen und können wir aber nicht überbeanspruchen. Wir müssen also wirtschaftlich haushalten. Unsere Klientinnen und Klienten sind ein Teil der Gesellschaft. Wir möchten dafür sorgen, dass sie auch weiterhin ein Teil dieser Gesellschaft bleiben können, einer Gesellschaft, die individueller und vielleicht weniger solidarisch werden wird.

Das verlangt von den Verantwortlichen der Arkadis viel geistige Flexibilität.

Auf jeden Fall. Stillstand ist nicht angesagt. Die Bedürfnisse unserer Klientinnen und Klienten verändern sich genau gleich wie jene der Menschen ohne Behinderung. Wir müssen auf diese Bedürfnisse reagieren können.

 

Neuer Präsident

Der 64-jährige Urs Knapp präsidiert neu den Stiftungsrat der in Olten beheimateten Stiftung Arkadis. Der Unternehmensberater und Mitinhaber der grössten Schweizer Kommunikations-Agentur gehört dem Gremium bereits seit 22 Jahren an. Der Oltner ist langjähriger Gemeindeparlamentarier (FDP), verheiratet und Vater dreier Kinder. Eine Tochter kam 1987 schwerstbehindert zur Welt; sie starb 1999. (agu)

 

Die Stiftung Arkadis feiert das 50-Jahre-Jubiläum

Jubiläumsjahr Über die letzten 50 Jahre entwickelte sich die Stiftung Arkadis aus einer Selbsthilfeorganisation von Eltern zu einem Dienstleistungs- und Fachzentrum für Erwachsene mit einer Behinderung sowie für Kinder und Jugendliche mit einem besonderen gesundheitlichen oder sozialen Unterstützungsbedarf. Rund 270 Mitarbeitende der Stiftung begleiten, betreuen und fördern jährlich über 1600 Klientinnen und Klienten und setzen sich für deren Inklusion in unsere Gesellschaft ein. Als bedeutende soziale Institution im Kanton Solothurn will die Stiftung Arkadis Arkadis «gemeinsam Lebensqualität schaffen» – mit Angeboten in den Bereichen Therapie und Beratung, Wohnen, Arbeit und Freizeit sowie ebenfalls mit Interessensvertretung und dem Gastrobetrieb Arcafé.

In Olten gründeten 1963 pionierhaft Eltern von Kindern mit Behinderungen, Fachleute und engagierte Persönlichkeiten die Vereinigung zur Förderung geistig Invalider (später Vereinigung zur Förderung geistig Invalider und Cerebralgelähmter) und prägten fortan die Anfänge der Behindertenarbeit in der Region Olten. Von Beginn weg befasste sich diese soziale Institution mit Fragen der beruflichen Ausbildung und der Eingliederung sowie mit der Errichtung einer geschützten Werkstätte.

In den folgenden Jahren wurde das Dienstleistungsangebot laufend ausgebaut. Es entstanden Wohnheime, Therapie- und Beratungsstellen, Ateliers und Tagesstätten, ein Freizeit- und ein Bildungsklub, das Arcafé sowie ein Arkadis-Laden. Die Führung aller Einrichtungen der Vereinigung zur Förderung geistig Invalider und Cerebralgelähmter wurde immer aufwendiger, was zu grundlegenden organisatorischen Veränderungen führte. Aus der Vereinigung entstand in der Folge 1972 einerseits die Elternvereinigung zugunsten geistig Behinderter und Cerebralgelähmter (heute insieme Olten) und andererseits die Stiftung zugunsten geistig Behinderter und Cerebralgelähmter. Der Stiftung wurde die Führung der bestehenden Institutionen übertragen.

1997 erfolgte anlässlich des 25-Jahre-Jubiläums die Namensänderung in Stiftung Arkadis. Der Name sollte die Vielfältigkeit der Dienstleistungen, die alle unter einem gemeinsamen Bogen respektive unter einer Arkade (von lateinisch arcus, Bogen) angeboten werden, symbolisieren. In den letzten 50 Jahren hat sich auch die Behindertenpolitik stark verändert. Nachdem in den 1980er- und 1990er-Jahren Begriffe wie Integration und Normalisierung im Fokus waren, trat später – auch im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention – die Inklusion ins Zentrum. Inklusion bedeutet, dass alle Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Das heisst, dass sich Menschen mit Behinderungen nicht integrieren und an die Umwelt anpassen müssen, sondern diese von vornherein so ausgestattet ist, dass alle Menschen gleichberechtigt leben können. Ein Prinzip, dem sich auch die Stiftung Arkadis verschrieben hat.

Im Jubiläumsjahr 2022 finden diverse grössere und kleinere Anlässe statt. Der nächste öffentliche Höhepunkt ist das 3. Arkadis-Sommerfest, welches am Samstag, 25. Juni, zwischen 11 und 18 Uhr an der Hardfeldstrasse 37 in Olten gefeiert wird. Neben Spiel und Spass für Gross und Klein bietet es Begegnungsmöglichkeiten, künstlerische Darbietungen und Verpflegungsmöglichkeiten. pd

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