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13.03.2019

Kluge Kinder mit klugem Gerät

Dr. phil. Rahel Heeg berichtet am Dienstag, 19. März von ihrer Forschung zu Jugendlichen und Smartphones. (Bild: Franz Beidler)

Dr. phil. Rahel Heeg berichtet am Dienstag, 19. März von ihrer Forschung zu Jugendlichen und Smartphones. (Bild: Franz Beidler)

Ringvorlesungen Die öffentlichen Ringvorlesungen der Fachhochschule Nordwest- schweiz FHNW setzen sich in diesem Frühjahr mit dem Thema Freiheit auseinander. Am Dienstag, 19. März diskutiert die Soziologin Dr. phil. Rahel Heeg, wie viel Freiheit das Smartphone Jugendlichen geschenkt und wie viel es ihnen genommen hat.

Franz Beidler

Dass sich die Gesellschaft über den Umgang mit Smartphones Gedanken machen muss, steht ausser Frage: «Die Geräte spielen inzwischen eine derart zentrale Rolle in unserem Alltag, dass es wichtig ist, darüber nachzudenken», formuliert es Dr. phil. Rahel Heeg. Die Soziologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für soziale Arbeit, die Teil der FHNW ist. Ab 2016 erforschte sie während zweier Jahre, wie Jugendliche mit ihrem Smartphone umgehen. Am Dienstag, 19. März wird Heeg die Ergebnisse aus dieser Forschungsarbeit im Rahmen der öffentlichen Ringvorlesungen präsentieren. In einer anschliessenden Diskussion nimmt sie auch Fragen aus dem Publikum entgegen. Der Titel der Veranstaltung lautet: Generation Smartphone - abhängig oder frei? «Ja, abhängig und ja, frei», erklärt Heeg und fügt schmunzelnd an: «Es ist kompliziert.» Auf ein einfaches Verdikt lassen sich die Ergebnisse ihrer Forschung nicht reduzieren. Das Vorurteil, dass junge Menschen heutzutage nur noch in einen kleinen Bildschirm starren und sich in einer künstlichen Welt abkapseln, stimme aber nicht. «Der vorschnelle Befund lautet: viel Smartphone ist schlecht, weil das Digitale als weniger real und damit weniger wertvoll gilt.» Verschiedene Pflanzenarten zu kennen gelte generell als besser, als die Funktionsweise von Instagram zu verstehen. «Heutige Erwachsene sind nicht mit dem Smartphone aufgewachsen und sehen nur, dass es etwas wegnimmt, das sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen und als wichtig empfinden.»

Die Gefahr der Missinterpretation

«Wenn Erwachsene Jugendliche erforschen, besteht immer die Gefahr, dass die Forschenden missinterpretieren», erklärt Heeg. Deshalb war das Forschungsprojekt Generation Smartphone partizipativ angelegt: Die Jugendlichen waren massgeblich an der Forschungsarbeit beteiligt. «In einer ersten Phase entwickelten wir gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher das Vorgehen», sagt Heeg. Darauf folgte die Datenerhebung: Dreissig Jugendliche führten während einem Monat Tagebuch zu ihrer Smartphonenutzung und gaben in Interviews darüber Auskunft. In einer dritten Phase wurden die Daten von acht Jugendlichen und acht Erwachsenen ausgewertet. «So fanden wir jene Themen, die die Jugendlichen auch wirklich beschäftigen», erklärt Heeg. Der partizipative Ansatz sei ein riesiger Gewinn, die Erfahrungen damit sehr wertvoll. «Allerdings machte er die Finanzierung schwieriger», berichtet Heeg. Weil man vom gewohnten Vorgehen abweiche, seien sowohl Ergebnis wie auch Form der Forschung völlig offen. «Die Jugendlichen brachten super Ideen ein, wie die Ergebnisse verwendet werden können. Wir hätten ansonsten nur einen Bericht geschrieben», erzählt Heeg. So entstand ein Brief an eine Elternzeitschrift oder bedruckte Karten, die an Jugendliche verteilt werden können und sie zum Nachdenken anregen sollen. «Den eigenen Umgang mit dem Smartphone zu überdenken ist besonders wichtig», betont Heeg. Während dem Forschungsprojekt sei ersichtlich geworden, dass sich das Tagebuchschreiben besonders gut dazu eigne. «Wir waren überrascht, wie kreativ die Jugendlichen dabei vorgingen.» Ihre Gedanken hätten sie nicht nur in Texten, sondern auch mit Fotos und Videos festgehalten. «Daran zeigt sich, dass das Smartphone andere Ebenen der Kommunikation eröffnet.» Ein Bild sagt manchmal eben mehr, als tausend Worte.

Tagebuch führen um nachzudenken

Beim Tagebuchschreiben hätten manche Jugendlichen entdeckt, dass das Smartphone andere Dinge in den Hintergrund dränge. «Manche berichteten, dass sie gar nicht mehr auf die Idee kämen, Klavier zu spielen oder ein Buch zu lesen, obwohl sie das eigentlich gerne tun», so Heeg. Das könne zu einem Verlusterlebnis führen. «Allerdings nur individuell.» Die Jugendlichen seien im Umgang mit dem Smartphone clever und würden sich anpassen. «Beim ersten Smartphone ist die Verlockung am grössten, dann tut sich den Jugendlichen eine neue Welt auf», berichtet Heeg. Danach verlagere sich die Nutzung und nehme ab. «Jüngere spielen viel. Ältere verwenden ihr Gerät für die Schule und stellen sich selber Regeln auf.» Zum Beispiel hätten manche beschlossen, nach 21 Uhr gänzlich offline zu sein.

Chancen grösser als Risiken

Den Jugendlichen werde heute mehr Selbstdisziplin abverlangt. «Das Smartphone entwickelt einen Sog», bestätigt Heeg. So ziemlich alle Apps seien darauf ausgelegt, das Suchtzentrum des menschlichen Gehirns anzusprechen. Da wieder raus zu kommen, könne schwierig sein. «Allerdings ist das Gefühl, nicht mehr ohne Smartphone leben zu können, auch nicht rein subjektiv», betont Heeg. Denn objektiv gesehen, kämen viele Leute im Alltag nicht mehr ohne zurecht. «Das Smartphone wird auch in Zukunft so intensiv genutzt werden, wie das die Jugendlichen heute tun.» Deshalb sei das Thema für die ganze Gesellschaft relevant. «Unsere Forschung hat aber gezeigt: Für die Jugendlichen selber wiegen die Chancen des Smartphones mehr als die Risiken.»

Generation Smartphone - abhängig oder frei?
Öffentliche Ringvorlesung von Dr. phil. Rahel Heeg
Dienstag, 19. März, 17.15 bis 18.45 Uhr
FHNW Campus, von Rollstrasse 10, Olten

www.fhnw.ch

 

 

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