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27.03.2019

«Schiessen macht süchtig»

Jan Lochbihler an der Europameisterschaft 2019 in Osijek in Kroatien: «Vor der Zielscheibe zählen Titel nichts.» (Bild: ZVG)

Jan Lochbihler an der Europameisterschaft 2019 in Osijek in Kroatien: «Vor der Zielscheibe zählen Titel nichts.» (Bild: ZVG)

Jan Lochbihler Mit ruhiger Hand, scharfem Auge und viel Willenskraft brachte er es zum Olympioniken: Der Sportschütze Jan Lochbihler kümmert sich in seinem Training um weit mehr, als nur seinen Körper. Jetzt setzt er sein Visier auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Franz Beidler

Schiessen sei eine Mischung aus Formel 1 und Skispringen, sagt der Sportschütze Jan Lochbihler. Steht man in der Schiessanlage des Bundesamtes für Sport BASPO in Biel, wirkt dieser Vergleich absurd: Es ist still und die wenigen Jungschützinnen und -schützen flüstern fast ob der konzentrierten Atmosphäre. Wenig elegant schleichen sie umher in Hosen und Jacken aus steifem Leder, «um den Körper besser stillhalten zu können», erklärt Lochbihler mit gedämpfter Stimme. Er zeigt auf einen der kleinen Monitore, die quer durch den Raum parallel zu den Zielscheiben an der Rückwand aufgestellt sind. Farbige Linien zeichnen darauf die Bewegung des Laufs kurz vor und nach der Schussabgabe. «Schlägt die Kugel genau in der Mitte ein, gibt das 10.9 Punkte», fährt Lochbihler fort und zeigt auf den Luftgewehrschuss, den er kaum sichtbar zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Der Ring in der Mitte der Zielscheibe und der Schuss haben den gleichen Durchmesser. Auf die Schiessdistanz von zehn Metern sind beide von blossem Auge nicht erkennbar. Das ist die Welt von Jan Lochbihler, 27 Jahre alt aus Holderbank SO, fünffacher Schweizermeister Elite, Schützenkönig Gewehr 50m, Olympionike 2016 in Rio de Janeiro in Brasilien, Bronze am Weltcup 2017 in Neu Delhi in Indien, Europameister 2017 in Baku in Aserbaidschan, Vizeweltmeister 2018 in Changwon in Südkorea, um nur eine Auswahl seiner Erfolge zu nennen. «Wenn ich vor der Scheibe stehe, zählen die Titel nichts», sagt Lochbihler. Im Sport beginne jeder Wettkampf bei Null. Vor zwei Jahren unterschrieb er einen Vertrag als Zeitmilitär-Spitzensportler über vier Jahre. Seither lebt er als Wochenaufenthalter im nationalen Leistungszentrum Magglingen über der Stadt Biel (BE). Für fünfzig Prozent Lohn arbeite er zu hundert Prozent und lebe in einem kleinen Zimmer, schildert er seine Lebensumstände. «Schon die Snowboarderin Patrizia Kummer oder Skilangläufer Dario Cologna durchliefen dieses Programm», erzählt Lochbihler. Er habe von Anfang an gewusst, dass er als professioneller Sportschütze werde Opfer bringen müssen und im internationalen Vergleich lebe er immer noch sehr luxuriös.

Im Ferienpass zum Schützensport

«Mit 12 Jahren in einem Kurs vom Ferienpass», erklärt Lochbihler gelangweilt. Zu oft musste er die Frage, wie er zum Schiesssport gekommen sei, schon beantworten. Nein, er stamme nicht aus einer Familie mit Schützenvereintradition. Er sei ein normaler Junge gewesen, habe Euphonium in der Jugendmusik Holderbank gespielt, Kunstturnen und Karate gemacht, später eine Lehre als Bodenleger absolviert, «textile und elastische Beläge und Parkett», wie er betont. Im Maler- geschäft seines Vaters hätte er nach einer Zusatzausbildung als Maler einsteigen sollen. «Dann hätten wir zusammen die komplette Inneneinrichtung abgedeckt.» Doch Lochbihler setzte voll auf den Sport. «Schiessen macht süchtig», erklärt er. «Es ist ein Sog, wie wenn du versuchst, deine leere Getränkeflasche möglichst kunstvoll im Mülleimer zu versenken.» Wenn das einmal klappe, dann müsse es doch eigentlich immer wieder möglich sein, erklärt er seine Arbeitshypothese. Vier Jahre nach dem Ferienpasskurs wurde Lochbihler erstmals Junioren-Europameister.

Der Schritt ins Ungewisse

Als 24-Jähriger stellte ihn der Schweizerische Schiesssportverband SSV als Berufs-Schütze an, ein Schritt ins Ungewisse, sowohl für Lochbihler wie den SSV. Der Verband schlug damit eine neue Richtung ein. Neben dem Breitensport, der dank traditionsreicher Schützenvereine tief in der Bevölkerung verankert ist, soll der Spitzensport gefördert werden. Dafür steht auch Lochbihler ein. «Die Schützenwelt muss erfahren, dass der Verband Spitzensportler fördert, die ihr ganzes Leben auf den Sport ausrichten.» Manchmal vermisse er das Verständnis dafür, dass er nicht an jedem regionalen Turnier teilnehmen könne. «Die Traditionen der Schützenvereine sind etwas Schönes und müssen gepflegt werden. Sie haben aber mehr mit Geselligkeit als mit Spitzensport zu tun.» Bis im Oktober wird Lochbihler jeden Monat im Ausland an einem internationalen Turnier teilnehmen. Das grosse Ziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. «Ein Podestplatz an Olympia, das ist mein grosser Traum.» Die Route dahin sei geplant, jetzt sei es an ihm, sie abzufahren.

Der perfekte Schuss

«Ein perfektes Resultat auf dem Papier, bedeutet nicht unbedingt den perfekten Schuss»,
erklärt er, «das könnte ja auch Zufall sein.» Es gehe darum, den immer gleichen Ablauf zu perfektionieren. «Wie sie in der Formel 1 die immer gleiche Runde fahren.» Das ist vor allem eine mentale Aufgabe. So trainieren Schützen, ihren Puls und ihre Gedanken zu kontrollieren. «Das innere Gespräch lenken», nennt es Lochbihler. Dieses Zusammenspiel von Konzentration und Feinmotorik fasziniert ihn. «Eigentlich ist unser Sport ja total stupid, drei Stunden dastehen und studieren», kommentiert er lachend. Ein Gewehr wirklich still halten, kann ein Mensch gar nicht. Herzschlag und Blutzirkulation sorgen stets für Bewegung. So versuchen Schützen, mit dem Gewehrlauf eine Linie durch die Mitte der Zielscheibe zu zeichnen. «Dann geht es darum, zum richtigen Zeitpunkt abzudrücken», erklärt Lochbihler, «wie ein Skispringer, der genau im richtigen Moment abspringen muss.»

www.janlochbihler.ch

 

 

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