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01.05.2019

Der ortskundige Fremde

Ist ab dem kommenden Samstag, 4. Mai auf dem Schweizer Schriftstellerweg vertreten: Autor Peter Bichsel. (Bild: Franz Beidler)

Ist ab dem kommenden Samstag, 4. Mai auf dem Schweizer Schriftstellerweg vertreten: Autor Peter Bichsel. (Bild: Franz Beidler)

Peter Bichsel Am kommenden Samstag, 4. Mai wird der Schweizer Schriftstellerweg in Olten um vier Hörstationen von Peter Bichsel erweitert. Die Furcht des Autors vor Kindheitsnostalgie hatte das lange verhindert.

Franz Beidler

Alte Männer, die dann plötzlich nur noch von ihrer Kindheit erzählen: Davor habe er sich gefürchtet, berichtet Autor Peter Bichsel. «Fast alle Schriftsteller, die mit siebzig noch schreiben, verfallen dieser Kindheitsnostalgie. Das ist mir zu schäbig und zu einfach.» Fast zwei ganze Jahre lang hätten Stefan Ulrich, Geschäftsführer von Olten Tourismus und der Verleger Thomas Knapp herumgebohrt, um ihn zu überzeugen, für den Schweizer Schriftstellerweg Geschichten aus Olten zu schreiben. «Ich habe natürlich nur Kindheitserinnerungen an Olten.» Der 1935 geborene Bichsel, inzwischen seit langem in Bellach bei Solothurn wohnhaft, verbrachte zehn prägende Jahre in Olten. Als Sechsjähriger zog er aus Luzern hinzu und als Sechzehnjähriger nach Solothurn weiter. «Das Unterfangen erforderte bei mir also viel Überzeugungsarbeit.» Ab dem kommenden Samstag, 4. Mai wird das Resultat der gemeinsamen Bemühungen von Ulrich und Knapp erstmals zu erleben sein. Vier Hörstationen von Bichsel und je eine des Kinderbuchautors Lorenz Pauli und der Schriftstellerin Tanja Kummer werden am Schweizer Schriftstellerweg eingeweiht. Der Höhepunkt der feierlichen Eröffnung in der Friedenskirche Olten ab 10.30 Uhr wird ein Gespräch von Verleger Knapp mit Bichsel.

Das Nostalgie-Dilemma

Die vier Geschichten hat Bichsel exklusiv für den Schweizer Schriftstellerweg geschrieben. Die entsprechenden Hörstationen stehen im Mühletäli, beim Bifangschulhaus, am Bahnhof und beim Vögeligarten. «Den gab es damals noch gar nicht, das war freies Feld», erinnert sich der Autor und schreckt sogleich vor einer Verklärung zurück: «Auch wenn es mir schwerfällt: Ich weigere mich diese jetzige Welt als schlechter zu empfinden, als die ehemalige», stellt Bichsel trotzig klar und erläutert das Nostalgie-Dilemma: «Ich stamme aus einem früheren Olten, nicht einem besseren. Ich stamme aus meinem Olten. Und wenn es meines ist, dann ist es eben doch ein besseres.» Dabei lässt sich so genüsslich in Bichsels Erinnerungen schwelgen, zum Beispiel jener Episode aus den 40er-Jahren, deren ausführliche Variante an der Station im Vögeligarten zu hören ist: «Wir spielten Fussball im Käppelihof quer über die Aarauerstrasse, denn wegen dem Krieg gab es sozusagen keine Autos. Der stotternde Polizist Husigamil drohte uns jeweils: Wartet nur Buben bis Frieden ist!» Die Strasse und der Säliwald seien ihre Spielplätze gewesen, «gehörten sozusagen uns», damals, als er am Pfarrweg 9 aufwuchs.

Ein verspäteter Oltner

Als Oltner fühlte sich Bichsel trotz den Erlebnissen lange nicht. «Ich bin nicht von hier», sei das vorherrschende Lebensgefühl in einer Stadt gewesen, die als Knotenpunkt Eisenbahner aus der ganzen Schweiz anzog. «Noch nach neun Jahren in Olten, mit fünfzehn, antwortete ich auf die Frage, woher ich käme mit: Luzern, aber wir wohnen in Olten.» Sich als den ortskundigen Fremden zu empfinden, sollte ihm seither eingeimpft bleiben. Nach dem Umzug nach Solothurn habe er sich von jeglichem Lokalpatriotismus jeweils mit «Nein, ich bin von Olten» abgewendet. «So wie Olten mich zum Luzerner machte, machte mich Solothurn zum Oltner.» Zum Schriftsteller machte ihn Olten jedoch nicht. «Literaturstädte gibt es nicht», stellt Bichsel fest. Nicht eine Stadt mache einen zum Schriftsteller, sondern Begegnungen mit Menschen und die könnten in jeder Stadt passieren. Jene, die Bichsels Hingabe zur Literatur kultivierten, fanden in Olten statt. «Ohne meinen Klassenlehrer der fünften und sechsten Klasse Kurt Hasler wäre aus mir nichts geworden, einfach nichts», behauptet Bichsel. «Er war der Einzige, der sich über meine Aufsätze freute und las einzelne der Klasse vor. Das machte mich unglaublich stolz.» Später hätten seine Aufsätze niemandem mehr gefallen. «Aber ich glaubte Kurt Hasler», sagt Bichsel lächelnd. Seine zweite wichtige Begegnung war jene mit Herr Wölfli in der Stadtbibliothek, wo Bichsel hinging, um seinen Buchstabenhunger zu stillen. Er habe sehr früh zu lesen begonnen. «Herr Wölfli war Primarlehrer und Bibliothekar, ihn wollte ich beeindrucken.» Anstatt Karl May habe er nach Goethe verlangt. «Wölfli pflegte zu sagen: Peter, das verstehst du aber wirklich noch nicht. Und ich antwortete: Ich versuchs einmal. Ich habe gelesen und gelesen und nichts verstanden.» Aber einen guten Erzähler unterbreche man nicht, auch wenn er Wörter brauche, die man nicht verstehe.

«Man kann ihm nur zuhören»

«Das Ganze versteht man dann schon, das Ganze ist eine Erzählsituation», erklärt Bichsel. Und in dieser Erzählsituation sei Lesen mitunter eine Art Hören. «Von meinen Lieblingsautoren habe ich eine exakte Vorstellung, wie sie vorgelesen hätten, wenn sie hätten», sagt Bichsel schmunzelnd. Sein Lieblingsautor Jean Paul sei schwierig zu lesen, ein wirklich unverständlicher Autor und er liebe ihn dafür. «Man kann ihn nicht lesen, man kann ihm nur zuhören.» Mit den neuen Hörstationen kann nun Bichsel selbst im Original zugehört werden, er hat seine Geschichten in Olten selber eingesprochen. Dass der Schriftstellerweg mehr Menschen die Literatur näher bringen wird, glaubt Bichsel nicht. «Leser gab es noch nie viele, aber ich mag Minderheiten.» Wenn sich drei Leute über seine Geschichten freuten, dann sei er zufrieden. Zweifelhaft bleibt für ihn allerdings, ob es möglich ist, im Stehen oder Gehen zuzuhören und schlussfolgert: «Ich würde mir bei meinen Hörstationen eigentlich schon ein Bänkli wünschen.»

Eröffnung der neuen Hörstationen des Schweizer Schriftstellerwegs
Samstag, 4. Mai, ab 10.30 Uhr
Talk mit Peter Bichsel um 10.45 Uhr
Friedenskirche Olten

www.oltentourismus.ch

 

 

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