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16.10.2019

Der Briefkasten - ein Ort der Emotionen

Knallig und mit aberwitzigem Humor wartet das neue Programm «Geschickt» des Duos Ziegler/Blatter auf. (Bild: ZVG)

Knallig und mit aberwitzigem Humor wartet das neue Programm «Geschickt» des Duos Ziegler/Blatter auf. (Bild: ZVG)

Kilian Ziegler und Samuel Blatter: Am Freitag, 25. Oktober um 20.15 Uhr feiert das Duo mit ihrem dritten Programm «Geschickt» im Theaterstudio Olten Premiere. Ziegler und Blatter erzählen vom Briefe schreiben, wichtigen Nachrichten per Post und dem inneren Seelenfrieden.

Mirjam Wetzstein

Auf die Frage nach dem letzten selbst geschriebenen Brief folgen eine längere Pause und ein ausgiebiges Nachdenken. «Ich habe fünf Jahre nach meinem Austauschjahr in Schweden an einen Freund einen langen Brief geschrieben und die vergangene Zeit aufgearbeitet», antwortet Musiker Samuel Blatter schliesslich und fügt nach einer dramatischen Pause an: «Er ist nie an- gekommen. Seither habe ich keinen Brief mehr verfasst.» Bei den meisten Personen dürfte es wohl eine Weile her sein, seit sie letztmals einen Brief geschrieben haben. Trotzdem oder gerade deshalb scheint Wortakrobat Kilian Ziegler einmal mehr mit dem gewählten Programm-Thema einen Nerv getroffen zu haben. «Briefe berühren und bewegen», zieht der 35-Jährige nach den ersten Try Out-Shows ein Resümee.

Eine gute Balance

Seit nunmehr sechs Jahren arbeiten Ziegler und Blatter zusammen. Während sich der Oltner Slam-Poet für das erste Programm «The Phantom of the Apéro» noch vorwiegend alleine auf die Spuren der weitreichenden, zuweilen oberflächlichen Apérokultur begeben hat, startete das Duo beim zweiten Stück «Ausbruch aus dem Strauchelzoo» trotz bissiger Zwischenkommentare als Team. Bei «Geschickt» habe Samuel Blatter nun noch mehr Sprechrollen übernommen, woraus sich erstmals eine Geschichte mit einem roten Faden entwickelt habe, erzählt Ziegler. Zudem spannt das Duo nun im Gegensatz zu den beiden vorgängigen Programmen nun auch auf der Bühne zusammen. «Dies erforderte ein Umdenken und einen anderen Humor», erzählt der 37-jährige Blatter. Seit der Derniere von «Ausbruch aus dem Strauchelzoo» im vergangenen Mai arbeiten die beiden intensiv am neuen Programm. Dabei sind die im Wesen sehr unterschiedlichen Künstler, die jedoch denselben Humor teilen, auch ab und an aneinandergeraten. «Ich bin der- jenige, der sich schnell begeistern lässt und eine neue Idee sofort umsetzen möchte. Kilian kann jedoch gut beurteilen, wenn es zu viel ist. Was zu Diskussionen führen kann, schliesslich aber in einer guten Balance resultiert», weiss Blatter.

Wichtige Post-Nachrichten

In «Geschickt» feiert das Duo den Brief, «als die vielleicht schönste Art zu kommunizieren», wie es Ziegler in den Raum stellt. Doch über den Brief als Kommunikationsform möchte das Duo ja ei- gentlich nicht urteilen. Ziegler beschreibt sich zwar als nostalgischer Romantiker, doch der Satz «früher war alles besser» komme bewusst im aktuellen Stück nicht vor. Dass sich das etwas an- gestaubte Thema durchaus knallig präsentieren lässt, zeigt sich nicht nur an den leucht-gelben Anzügen, die das Duo auf den Pressefotos trägt. «Wir haben beim dritten Programm auch mu- sikalisch einen neuen Weg begangen und setzen erstmals einen Synthesizer ein», erzählt Ziegler, der Poetry Slam-Schweizermeister des Jahres 2018. «Der Brief ist das Medium bei «Geschickt», aber eigentlich ist es eine Liebesgeschichte mit bisweilen absurden, aber immer intelligenten Wortspielen und aberwitzigem Humor», so Blatter über das aktuelle Programm. Ziegler wartet in seiner Rolle auf Post. Auf dringende Post, die sein Leben verändern könnte. An wichtige Nach- richten erinnert sich auch das Duo sehr genau. «Als ich die Aufnahmeprüfung an der Jazzschule gemacht und schliesslich die Bestätigung im Briefkasten vorgefunden habe, war das wie ein Lottogewinn», erzählt Blatter. Auch Ziegler denkt gerne an seine bedeutende Post, den Förder- preis am Anfang seiner Karriere und den Literaturpreis vor zwei Jahren, zurück. «Der Briefkasten ist ein Ort der Emotionen, denn neben einem positiven Bescheid kann sich auch eine Todesanzeige darin befinden», denkt Blatter laut nach.

Ein Stück für den Seelenfrieden

Ihren Fokus legten Ziegler und Blatter die letzten Monate stark auf das neue Programm. Dies sei energetisch und zeitmässig nicht nur einfach gewesen. Schliesslich steht Ziegler rund vier Mal pro Woche für Lesebühnen oder Moderationen auf den Brettern, die die Welt bedeuten und lebt da- neben am Schreibtisch oder im Zug. Blatter beteiligte sich am Umbau des Proberaums des «Fishermanns Orchestra», bei dem er nun mehr als zehn Jahre Mitglied ist. Vergangene Woche begab er sich mit dem 11-köpfigen Street-Jazz Ensemble auf eine zehntägige Tour durch Kairo in Ägypten. Die Herausforderung eines neuen Programms bestehe stets darin, dass die Leute zwar dasselbe sehen möchten, aber anders, wissen die beiden Künstler. Mit ihrem ernsten Thema, das smart und lustig verpackt wurde und einen schrägen Wortwitz aufweist, wird das Duo auf jeden Fall viel Neues für die Zuschauer bereithalten. So sorgt das Stück hoffentlich für einen Verkaufs- anstieg an Briefpapier und verhilft dem Pianisten Samuel Blatter nach 15 Jahren zu seinem Seelenfrieden, indem er über den nie zugestellten Brief hinwegkommt.

Ziegler/Blatter: «Geschickt»
Freitag, 25. Oktober, 20.15 Uhr, Freitag, 22. und Samstag, 23. November, 20.15 Uhr
Theaterstudio Olten

www.kilianziegler.ch

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