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08.01.2020

«Es ist ein Bienenhaus»

Trotz seinem Amt als Nationalrat ist Felix Wettstein ein Oltner mit jeder Faser und engagiert sich gerne für kulturelle Themen in der Dreitannenstadt, so auch für das Kunstmuseum, wo diese Aufnahme entstand. (Bild: mim)

Trotz seinem Amt als Nationalrat ist Felix Wettstein ein Oltner mit jeder Faser und engagiert sich gerne für kulturelle Themen in der Dreitannenstadt, so auch für das Kunstmuseum, wo diese Aufnahme entstand. (Bild: mim)

Felix Wettstein wurde im Oktober für die Grünen in den Nationalrat gewählt. Wir haben mit dem Oltner über seine erste Session, Lobby-Aktivitäten und das Klima gesprochen.

Mirjam Wetzstein

Vor 43 Jahren sei er erstmals in Olten nicht nur um-, sondern auch ausgestiegen, erzählt Felix Wettstein. Wir treffen den Nationalrat am Nachmittag des 20. Dezembers zum Gespräch. «Der heutige Tag ist ein Meilenstein», betont er und meint damit die Abschaltung des Kernkraftwerks Mühleberg. Am besagten Tag vor 43 Jahren habe er am Protestmarsch gegen den Bau des Kernkraftwerks Gösgen teilgenommen, erklärt der Grüne Politiker und lässt damit auf sein früh erwachtes politisches Interesse blicken.

Keine gestohlenen Sitze

Der sechseinhalb Monate andauernde Wahlkampf für den Nationalrats- und Ständeratssitz sei intensiv und gleichzeitig dankbar gewesen. «Ich habe an unterschiedlichsten Veranstaltungen teilgenommen und auf vielen Kanälen Werbung gemacht. Letztendlich waren es aber immer die Begegnungen mit den Menschen, die emotionale Befriedigung verschafften und für ein Gefühl von Rückenwind sorgten», betont der Politiker. Angesprochen auf den Wahltag am 20. Oktober meint Wettstein, der seit 13 Jahren Mitglied im Gemeindeparlament ist, bescheiden: «Wir durften nicht damit rechnen, dass es für einen Sitz reicht. Ich bin mit der Stimmung angereist, dass es eine schöne Zeit gewesen ist, die nun aber endet.» Somit sei es überraschend, aber auch wunderschön zu sehen gewesen, dass immer mehr Gemeinden ausgezählt waren und der Sitz immer noch den Grünen zufiel. «Dennoch habe ich gezögert, als bereits die Ersten gratulieren wollten. Für mich war es wichtig, zuerst die Auszählung abzuwarten», erzählt der in Kriens (LU) und Niederrohrdorf (AG) aufgewachsene Wettstein, der später in Baden die Kantonsschule und in Zürich sein Studium in Pädagogik, Geografie und Volkskunde absolvierte. «Die Grünen Kanton Solothurn konnten den Nationalratssitz dank einer Steigerung ihres Wähleranteils von 5,6 auf 11,4 Prozent erringen. Das ist weder ein Zufallsresultat, noch haben wir Sitze gestohlen», betont Wettstein, der im November aus dem Kantonsrat zurückgetreten ist.

Der Buchhalter

Wettstein, der 1995 in die Eisenbahnerstadt zog und seit bald 20 Jahren als Professor und Dozent am Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW tätig ist, beendete am Morgen vor unserem Interview seine erste Session im Bundeshaus in Bern. Über die Zuteilung in die Finanzkommission des Nationalrates zeigt sich der für seine Dossiersicherheit über die Partei hinweg geschätzte Wettstein erfreut. «Die acht Jahre in der Geschäftsprüfungskommission der Stadt Olten und fünf Jahre in der Finanzkommission des Kantonsrates haben für ein Fundament gesorgt und es ist zu einem Herzensthema geworden», so Wettstein und fügt schmunzelnd an: «Rechnungen durchzusehen ist eine minuziöse Fleissarbeit, die mir entspricht. Vielleicht werde ich deshalb zu Recht neckend als Buchhalter bezeichnet.» Seine erste Session im Bundeshaus hat der 61-Jährige als turbulent empfunden. «Ich habe Zeit gebraucht, um mich anzuklimatisieren, denn auch mit Vorkenntnissen auf kommunaler und kantonaler Ebene ist die Arbeit im Nationalrat eine völlig andere», so Wettstein. «Durch das Zweikammersystem mit National- und Ständerat ist kaum eine Vorbereitung möglich, sondern muss die Meinung vor Ort stets wieder neu justiert werden. Mit meinem Anspruch, mir selbst ein Urteil zu bilden, musste ich rasch merken, dass dies nicht möglich ist. Ein Einzelner kann sich nicht in alle Dossiers vertiefen, weshalb die Arbeitsteilung in den verschiedenen Kommissionen sehr wichtig ist», betont der Politiker. «Das Bundeshaus ist ein Bienenhaus. Vieles findet gleichzeitig statt: Während der Debatte im Plenarsaal sind längst nicht alle anwesend, weil daneben noch Treffen und Besuche stattfinden.» Nach einem solchen Tag sei er jeweils total erschöpft. «Es strengt mich an meine Antenne immer woanders haben zu müssen.»

Mehr Transparenz

Wettstein führt seit seinem Amtsantritt eine ständig wachsende Liste mit Organisationen und Firmen, die ihn mit Abstimmungsempfehlungen, und/oder Einladungen angeschrieben haben. «Hinter dieser Aufarbeitung steckt nicht Argwohn, denn Lobbying ist ein Bestandteil dieses Business», weiss der Oltner, doch sein Thema sei die Transparenz. Es werde sich zwar leider nicht ändern lassen, dass einige Organisationen mehr Mittel zur Verfügung hätten als andere, aber dies müsse transparent sein. «Zudem sollten nicht nur die verschiedenen Mandate in Verwaltungs- und Stiftungs-räten aufgeführt, sondern auch deren Honorierung ausgewiesen werden», so der Oltner, der nun seinerseits sein Pensum an der FHNW von 70 auf ein 40 Prozent-Pensum reduziert hat. «Ich möchte eine Trennung der Bereiche Arbeit und Politik. Dadurch, dass die Sessionen vier Mal pro Jahr während dreier Wochen und daneben noch Kommissionssitzungen stattfinden, sollte ich so beide Bereiche gut aneinander vorbeibringen. Angesprochen auf sein Mandat als Oltner Gemeinderat meint Wettstein: «Ich bin mit allen Fasern gerne in Olten. Hier wohne und engagiere ich mich. Wir müssen in unserer Stadt wieder daran glauben, dass wir miteinander etwas zustande bringen und wir sollten Ängste und Misstrauen ablegen.» Zudem sei auch in Olten auf politischer Ebene mehr Transparenz nötig, doch der Stadtrat zeige sich in vielen Bereichen eingeschüchtert. «Die Klimathematik hingegen ist eigentlich eine einfache: Was an Öl, Gas und Kohle noch nicht aus dem Boden geholt wurde, muss drin bleiben. Wir müssen wegkommen von den fossilen Energieträgern. Dies setzt voraus, dass wir uns von Vorstellungen verabschieden und uns neu orientieren», so Wettstein pragmatisch, der hofft dass wir im neuen Jahr den Mut haben werden, um an diesen Themen dranzubleiben.

www.felix-wettstein.ch

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