Österreichische Schläue

Stefan Nünlist, Leiter Unternehmenskommunikation und Politiker. (Bild: Dominik Hetzer)

Was unterscheidet eine Stadt von einem Dorf? Keine einfache Frage. Denn eine Gemeinde gilt statistisch als Stadt, wenn sie mehr als 10000 Einwohner aufweist. Ob sie sich dann als «Stadt» bezeichnet, liegt in ihrem Selbstverständnis. Wir Oltnerinnen und Oltner fühlen uns als Städter, auch wenn wir in Starrkirch wohnen. Dabei wurde unser Städtchen im Verlauf der Zeit immer wieder verpfändet und verschachert und musste um seine Position kämpfen. Die Herren von Solothurn haben uns bereits früh die hohe Gerichtsbarkeit, das Schultheissenwahlrecht und 1653 gar das Stadtrecht entzogen. Dies tat und tut unserer Oltner Selbstwahrnehmung jedoch keinen Abbruch. Denn unser wahres Privileg ist das 1395 von Herzog Leopold von Österreich verliehene Marktrecht. Dieses Recht, Wochen- und Jahrmärkte zu halten, wussten wir zu wahren. Der Viehmarkt wurde 1970 zwar eingestellt. Dafür kamen neue Märkte wie etwa der Gemüsemarkt im Bifang, die MIO, der Kunst-, Bücher- oder Koffermarkt dazu. Unser Märkte sind ein Juwel, urbane Farbtupfer und Magneten für die ganze Region. Was gibt es Schöneres, als Früchte, Gemüse, Käse, Brot und Wurst am Marktstand zu kaufen, mit andern zu schwatzen, Kaffee zu trinken und Bekannte zu treffen? Und mit etwas längeren, über halb zwölf hinausgehenden Öffnungszeiten, ein paar Festbänken und Wurstständen, liesse sich der Kreis der begeisterten Marktbesucher auch auf Langschläferinnen und fröhliche Zecher ausweiten. Herzog Leopold dankte den wackeren Oltnern mit dem Marktrecht nicht nur für ihren Einsatz gegen die alten Eidgenossen. Er wusste auch um den ökonomischen Vorteil der Markttage. Denn das Geld, dass der Stadt von diesen Märkten zufliesse, sollte sie getreulich «an den Bau legen», das heisst für den Ausbau der städtischen Infrastrukturen verwenden. Wie schlau, diese Österreicher.

Weitere Artikel zu «Kolumne», die sie interessieren könnten

Kolumne28.02.2024

Oltner Hundeleben

Die Oltnerin Cathrine Müller hat herausgefunden, dass der Kanton über Jahre zu Unrecht Hundegebühren eingezogen hat. Seit das Verwaltungsgericht der…

Kolumne21.02.2024

Schön wars

Etwas durcheinander, weil diese Mail über das Aus des Stadtanzeigers so unerwartet kam, schliesse ich das Fenster meines digitalen Posteingangs. Ich greife zum…

Kolumne14.02.2024

Winterfreuden

Diesen Winter leben wir im Sparmodus. Nachdem wir unser Haus umgebaut haben, muss zuerst wieder Geld hereinkommen, bevor wir es ausgeben können. Konkret heisst…